Gefahren durch Desinfektionsmittel bewerten und vermeiden (Ausschlusskriterien)

Für die durch Desinfektionsmittel verursachten, nicht erwünschten und gegebenenfalls vermeidbaren nachteiligen Wirkungen für Gesundheit und Umwelt sind deren Inhaltsstoffe verantwortlich. Um diese Gefahren zu bewerten und zu vermeiden werden in der Folge mit Hilfe von Gefahrenhinweisen (H-Sätzen) Ausschlusskriterien und -szenarien formuliert. Da Gefahrenhinweise im Zuge der Einstufung und Kennzeichnung von Stoffen generiert werden, wird ein kurzer Überblick über das in der EU geltende System zur Einstufung- und Kennzeichnung von Chemikalien gegeben.

Gefahrenkommunikation für Chemikalien in der EU (Einstufung und Kennzeichnung nach GHS)

1992 legte die UN-Konferenz für Umwelt und Entwicklung in Rio fest, die Gefahrenkommunikation in Form der Einstufung und Kennzeichnung von Chemikalien weltweit als Globally Harmonized System of Classification and Labelling of Chemicals (GHS) zu vereinheitlichen. 2002 wurde auf dem Weltgipfel zur nachhaltigen Entwicklung in Johannesburg (Südafrika) vereinbart, GHS bis 2008 umzusetzen. Das GHS unterscheidet zwischen physikalischen Gefahren, Gesundheitsgefahren und Umweltgefahren. Die Art der Gefahr wird durch Gefahrenklassen beschrieben, wobei jede Gefahrenklasse eine oder mehrere Gefahrenkategorien enthält. Die Gefahrenkategorie ist dabei Ausdruck der Stärke der Gefährlichkeit. Das GHS umfasst 16 Gefahrenklassen für chemisch-physikalische Gefahren, 10 Gefahrenklassen für Gesundheitsgefahren und 1 Gefahrenklasse für Umweltgefahren. Die Einstufung und Kennzeichnung nach GHS beruht somit auf den intrinsischen Eigenschaften der Stoffe. Diese Eigenschaften werden in der Regel durch Prüfungen nach allgemein anerkannten wissenschaftlichen Grundsätzen (z.B. OECD Prüfrichtlinien) festgestellt.

Die EU hat das GHS mit der Verordnung 1272/2008 (CLP-Verordnung)[1] umgesetzt, diese stellt das derzeit gültige europäische Einstufungs- und Kennzeichnungssystem dar. Die CLP-Verordnung verlangt, dass im Zuge einer Einstufung in eine Gefahrenklasse neben der Gefahrenkategorie auch der zutreffende Gefahrenhinweis zugeordnet wird. Abbildung 1 gibt auszugsweise die physikalischen Gefahren, Abbildung 2 die Gesundheitsgefahren und Abbildung 3 die Gewässergefährdung wieder. Die Abbildungen enthalten neben den Gefahrenklassen und -kategorien die Gefahrenhinweise als Code (H-Satz) und im Wortlaut. Außerdem übernimmt die CLP-Verordnung aus dem vorher gültigen europäischen Einstufungs- und Kennzeichnungssystem das Konzept der harmonisierten Einstufung und Kennzeichnung („Legaleinstufung“ bzw. CLH). Eine solche ist für ca. 4000 Stoffe in Anhang VI (Teil 3) der CLP-Verordnung festgelegt. Die CLP- Verordnung verlangt außerdem, dass Angaben zur Einstufung und Kennzeichnung von Stoffen an die Europäischen Chemikalienagentur ECHA zu übermitteln sind. Die Meldungspflicht betrifft alle in Verkehr gebrachten Stoffe, welche die Kriterien einer Einstufung als gefährlich in mindestens 1 Gefahrenklasse erfüllen. Die Meldungen bilden die Grundlage für das öffentlich zugängliche Einstufungs- und Kennzeichnungsverzeichnis (C&L inventory)[2]. Das Verzeichnis enthält zudem alle in der EU harmonisiert eingestuften und die nach REACH registrierten Stoffe.

[1] CLP: Classification, Labelling and Packaging
[2] http://echa.europa.eu/web/guest/information-on-chemicals/cl-inventory-database

ABBILDUNG 1: EINSTUFUNG UND KENNZEICHNUNG NACH CLP VERORDNUNG – PHYSIKALISCHE GEFAHREN (AUSZUG)

Bildquelle: https://www.baua.de

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ABBILDUNG 2: EINSTUFUNG UND KENNZEICHNUNG NACH CLP VERORDNUNG 1272/2008 – GESUNDHEITSGEFAHREN

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ABBILDUNG 3: EINSTUFUNG UND KENNZEICHNUNG NACH CLP VERORDNUNG 1272/2008 – GEWÄSSERGEFÄHRDUNG

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Gefahrenklasse Gewässergefährdend und M-Faktoren

Bei der Einstufung in die Gefahrenklasse Gewässergefährdend (Umweltgefahren) wird die Wirkstärke hochtoxischer Bestandteile in den Gefahrenkategorien Akut 1 und Chronisch 1 zusätzlich über Multiplikationsfaktoren (M-Faktoren) gewichtet.

Der für die Einstufung der akuten Gewässergefährdung zu verwendende M-Faktor leitet sich aus der akuten aquatischen Toxizität eines Stoffes ab:

TABELLE 1: M-FAKTOREN FÜR STOFFE DER GEFAHRENKATEGORIE AKUT 1

Bildschirmfoto1Der für die Einstufung der langfristigen Gewässergefährdung zu verwendende M-Faktor leitet sich aus der chronischen aquatischen Toxizität eines Stoffes kombiniert und seiner Abbaubarkeit ab. Bemerkenswert ist, dass auch leicht abbaubare Stoffe als chronisch gewässergefährdend eingestuft werden können, sofern bei ihnen ein NOEC Wert ≤ 0,01 mg/l gemessen wird.

TABELLE 2: M-FAKTOREN FÜR STOFFE DER GEFAHRENKATEGORIE CHRONISCH 1

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Welche Stoffeigenschaften sind bei der Auswahl von Desinfektionsmittel vermeidbar?

Testen von Ausschlusskriterien und Ausschlussszenarien mit der WIDES

Um die Frage „Welche Stoffeigenschaften sind bei der Auswahl von Desinfektionsmittel vermeidbar?“ zu beantworten ist vorweg abzuschätzen, ob eine solche Option überhaupt realistisch ist bzw. ob entsprechende Produktalternativen zur Verfügung stehen. Eine solche Abschätzung wird deshalb benötigt weil es zwecklos ist an den Markt – bzw. an die dort angebotenen Produkte – Anforderungen zu stellen die dieser nicht erfüllen kann. Bezogen auf das verfügbare Marktangebot sollte demnach nach Anwendung von Ausschlusskriterien oder -szenarien ein signifikanter Anteil an Produkten verbleiben. Im vorliegenden Fall wird unter einem Ausschlussszenario ein Satz von Ausschlusskriterien verstanden. Ein Ausschlusskriterium ist dann entweder ein H-Satz, eine Datenlücke (welche in der WIDES Bewertung durch ein „?“ angezeigt wird) oder ein Eintrag des Stoffes in die Liste der für eine Zulassung in Frage kommenden besonders besorgniserregenden Stoffe der ECHA (SVHC Liste[3]) sein kann.

2015 wurde vom Technischen Büro Klade in einer Studie[4] erhoben, wie die Desinfektionsmitteldatenbank WIDES[5] bei der Auswahl von Desinfektionsmitteln genutzt werden kann. Konkret wurde darin analysiert, welcher Prozentanteil der in der WIDES angeführten Produkte ein Ausschlussszenario erfüllt (d.h. ausgeschlossen wird) und welcher nicht. Insgesamt wurden dazu 6 Ausschlussszenarien entweder aus gesetzlichen Vorgaben abgeleitet oder frei definiert.

TABELLE 3: AUSSCHLUSSSZENARIEN UND AUSSCHLUSSKRITERIENU

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[3] SVHC Liste: http://echa.europa.eu/candidate-list-table der Eintrag ist durch Verdacht auf endokrine Wirkung begründet
[4] Technisches Büro Klade: Ausschlusskriterien für die Desinfektionsmittelauswahl. 2015. Unveröffentlicht.
[5] https://www.wien.gv.at/umweltschutz/oekokauf/desinfektionsmittel/

KURZBESCHREIBUNG DER AUSSCHLUSSSZENARIEN:

  • „CMR“: Das Szenario schließt Stoffe mit nachgewiesene und vermuteten kanzerogenen, mutagenen und reproduktionstoxischen (CMR) Eigenschaften aus.
  • „ASchG, BPR, REACH“: Das Szenario erfüllt Anforderungen des Österreichischen ArbeitnehmerInnenschutzgesetzes (ASchG), der Biozidprodukteverordnung (BPR) und der REACH Verordnung und schließt Stoffe mit vermuteten und nachgewiesenen CMR Eigenschaften, einer chronisch toxischen Wirkung der Kategorie 1, dem Verdacht auf endokrine Wirksamkeit sowie einer aquatischen Toxizität mit einem NOEC oder EC10 < 0,01 mg/l bei Meeres- oder Süßwasserlebewesen ≈ H410 mit M≥10 aus. Ausgeschlossen werden außerdem Stoffe für die eine atemwegsensibilisierende Wirkung angenommen wird (H334).
  • „ASchG, BPR, REACH + CMR?“: Das Szenario erweitert das obige Ausschlussszenario um die in der WIDES ausgewiesenen Datenlücken bei der Gefährdungskategorie CMR.
  • „Mutterschutz“: Das Szenario bildet die Ausschlusskriterien des Erlasses gem. § 4 Österreichisches Mutterschutzgesetz[6] für Händedesinfektionsmittel ab.
  • „Gesundheit & Umwelt“: Das Szenario beinhaltet selbstdefinierte Ausschlusskriterien für nachteilige gesundheits- und umweltgefährdenden Eigenschaften ab.
  • „Gesundheit & Umwelt Max“: Das Szenario beinhaltet selbstdefinierte Ausschlusskriterien nachteilige gesundheits- und umweltgefährdende Eigenschaften in einem maximalen Umfang.

ERGEBNISSE

Insgesamt wurden im Rahmen der Studie 126 Produkte analysiert, was (zu diesem Zeitpunkt) 56 % aller in der WIDES enthaltenen Produkte entsprach. Geprüft wurde, indem in einem Anwendungsbereich die in den Produkten enthaltenen Stoffe (d.h. die Rezepturbestandteile) analysiert wurden. Erfüllte zumindest ein Stoff (d.h. ein Rezepturbestandteil) ein Ausschlusskriterium, dann traf das Ausschlussszenario auf das Produkt zu.

TABELLE 4: ANWENDUNG DER AUSSCHLUSSZENARIEN AUF ANWENDUNGEN

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[6] Der Erlass wurde am 11.09.2015 vom Österreichischen Bundesministerium für Soziales und Gesundheit (BMSG) herausgegeben.

Zwecks Interpretation der in Tabelle 4 angeführten Testergebnisse wird angenommen, dass das Ausschlussszenario auf ein bis zu maximal zwei Drittel aller Produkte (33% – 66%) zutreffen sollte. Diese grobe Faustregel ist eine Richtgröße und kann bei Bedarf nach unten und nach oben hin abgeändert werden. Die Testergebnisse liefern zumindest Hinweise dafür, welche Ausschlussszenarien bzw. -kriterien bei welchen Anwendungen erfüllbar sind bzw. welche das Marktangebot überstrapazieren sodass der Prozentanteil der ausgeschlossenen Produkte zu hoch wird. Aus den oben angeführten Ergebnissen ließen sich etwa folgende Schlussfolgerungen ziehen:

  • Das Szenario „CMR“ schließt zwischen 13 % und 38 % aller untersuchten Produkte aus und erscheint somit allgemein anwendbar.
  • Das Szenario „ASchG, BPR, REACH“ schließt zwischen 56% und 75 % aller untersuchten Produkte aus und erscheint somit nur für bestimmte Anwendungen anwendbar.
  • Das Szenario „Gesundheit & Umwelt Max“ schließt zwischen 43% und 91 % aller untersuchten Produkte aus und erscheint nicht anwendbar für Produkte der Flächen- und Instrumentendesinfektion, jedoch anwendbar für Produkte für die hygienische Händedesinfektion und (teilweise) für die Fläche- Schnelldesinfektion.

Abschließende Bemerkungen

Die oben angeführten Ausschlusskriterien und -szenarien könnten für die Ausschreibung bzw. von Desinfektionsmittel verwendet werden. Allerdings ist im konkreten Fall zu beachten, dass die genannten Prozentanteile ausgeschlossener Produkte aus einem Sample aus 2014 errechnet wurden und nicht mehr der aktuellen WIDES Datenlage entspricht. Außerdem wurde nur ein Teil aller am (zentraleuropäischen) Markt verfügbaren Desinfektionsmittel erfasst. Der Author weist daher darauf hin, dass es seiner Meinung nach nicht gerechtfertigt wäre eine Ausschreibung und/oder Beschaffung auf den oben angeführten Testergebnissen zu begründen. Stattdessen wird beispielhaft aufgezeigt, wie mit Unterstützung der öffentlich zugänglichen Desinfektionsmitteldatenbank WIDES vom Markt erfüllbare Ausschlusskriterien und -szenarien definiert und in weiterer Folge dann auch auf Beschaffungsvorgänge und Ausschreibungen angewendet werden könnten.